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Going digital: Restrukturierungen in Privatkundenbanken haben weitreichende Folgen

Die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) hat im September 2022 einen Bericht über Restrukturierungsprogramme in Privatkundenbanken veröffentlicht. Angetrieben werden diese teils einschneidenden Veränderungsprozesse in den Finanzinstituten insbesondere durch die fortschreitende Digitalisierung. Fallstudien des Berichtes belegen aber auch klar: der soziale Dialog sichert den Beschäftigten bei Restrukturierungen Mitsprache und ist ein wirksames Instrument zur Abmilderung negativer Folgen für die Belegschaften.
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Finanzkrise und Digitalisierung haben großflächige Veränderungsprozesse zur Folge

Die wichtigsten Triebkräfte für Restrukturierungen im privaten Bankkundengeschäft waren bis 2015 die Folgen des globalen Finanzcrash 2008/2009. Als der Aufschwung nach dieser Krise wieder einsetzte, waren Restrukturierungen stärker auf die Herausforderungen der Digitalisierung ausgerichtet, insbesondere in Bezug auf die Entwicklung von online-Bankdienstleistungen.

Finanztransaktionen werden zunehmend elektronisch und online abgewickelt. Dieser Trend zum bargeldlosen Zahlungsverkehr hat sich während der Corona-Pandemie weiter verstärkt. Die Banken investieren daher in hohem Maße in die Weiterentwicklung der Möglichkeiten des online-bankings. Zum Teil als Reaktion auf entsprechende KundInnenanfragen, aber auch, weil dadurch enorme Personaleinsparungen erzielt werden können.

Wesentliche Auswirkungen auf Arbeitsorganisation und Beschäftigungsniveau

Diese technologischen Investitionen führen zu einer radikalen Veränderung der bestehenden Arbeitsorganisation und des Beschäftigungsniveaus. In den letzten zwei Jahrzehnten stagnierte das Beschäftigungsniveau im Finanzdienstleistungssektor allgemein und ging im Privatkundengeschäft sogar zurück. Fallstudien und ExpertInnenbefragungen deuten darauf hin, dass sich dieser Trend wahrscheinlich fortsetzen wird.

Die Digitalisierung hat viele der traditionellen Arbeitsweisen im privaten Bankkundensektor verändert. Der Trend zu online-Bankdienstleistungen birgt für die Beschäftigten neue Risiken in Bezug auf die Arbeitsintensivierung. Vor allem durch den sehr hohen Anteil an Beschäftigten, die während der Corona-Pandemie von zu Hause aus gearbeitet haben.

Die Rechtsvorschriften für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz müssen daher auf potenzielle Stressfaktoren im Zusammenhang mit der Arbeitszeit abgestimmt werden, unter anderem durch ein kollektivvertraglich vereinbartes oder gesetzlich verankertes Recht auf Nichterreichbarkeit.

Sozialer Dialog: wirksames Instrument zur Abmilderung negativer Folgen für Beschäftigte bei Restrukturierungen

Fallstudien in diesem Eurofound-Bericht zeigen, dass die Sozialpartner in den meisten Fällen Wege gefunden haben, um die Interessen von Beschäftigten und Unternehmen in Einklang mit Restrukturierungen zu bringen.

Der soziale Dialog im privaten Bankkundenbereich findet innerhalb eines gut etablierten institutionellen Rahmens statt und spielt eine wesentliche Rolle bei der Abmilderung negativer Auswirkungen von Restrukturierungen. Wirksame Instrumente wie Sozialpläne und kollektive Vereinbarungen kommen in vielen Fällen zur Anwendung.

Die vereinbarten Sozialmaßnahmen zielen in der Regel darauf ab, unfreiwillige Entlassungen zu vermeiden und beinhalten zusätzliche Abfindungen (die über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehen) sowie andere Leistungen, einschließlich der Fortführung des Krankenversicherungsschutzes.

Zunehmender Bedarf an spezialisierten Fachkräften erfordert mehr Qualifizierungsmaßnahmen

Im Vergleich zu anderen Sektoren ist die berufliche und bildungstechnische Aufwertung der Arbeitsplätze in diesem Sektor relativ schnell erfolgt. Es hat eine Verschiebung in der Zusammensetzung der Belegschaften stattgefunden, mit einem hohen Anteil spezialisierter Fachkräfte und einem geringer werdenden Anteil an weniger gut ausgebildeten Arbeitskräften.

Auf politischer Ebene müssen deshalb weitere und noch umfangreichere Qualifizierungsmaßnahmen für die Beschäftigten folgen, um der Nachfrage nach gut ausgebildeten und spezialisierten Arbeitskräften (IT-SpezialistInnen, Fachleute für umweltfreundliche Finanzdienstleistungen usw.) gerecht zu werden.

Um die Beschäftigungsfähigkeit vorhandener MitarbeiterInnen in traditionelleren Bankberufen, deren Arbeit zunehmend automatisiert wird, zu gewährleisten, müssen auch die Institute entsprechende innerbetriebliche Qualifizierungsmöglichkeiten schaffen.

EU-Lohntransparenzrichtlinie soll ungleicher Bezahlung zwischen Frauen und Männern entgegenwirken

Obwohl der Finanzdienstleistungssektor ein Sektor mit allgemein hohen Löhnen ist, gibt es ein eklatantes geschlechtsspezifisches Lohngefälle. Die vorgeschlagene EU-Lohntransparenzrichtlinie mit ihren Verpflichtungen zu geschlechtsspezifischen Lohnaudits könnte unterstützend sein, um ungerechtfertigte Lohnunterschiede in diesem Sektor zu ermitteln und zu verringern.

Hier geht’s zum Bericht