Tagsüber ausgesperrt, krank nach Hause geschickt
Gewerkschaftsjugend kritisiert neue Regelungen in den Landesberufsschülerheimen Innsbruck
Ab dem Schuljahr 2026/27 sind die Landesberufsschülerheime Innsbruck an den Standorten Lohbachufer und Mandelsberg tagsüber geschlossen. Laut einem Schreiben der Abteilung Elementarbildung und allgemeines Bildungswesen des Landes Tirol vom 8. Juli 2026 sperrt das Internat um 8:00 Uhr zu und öffnet von Montag bis Donnerstag erst wieder ab 16:30 Uhr. Die Gewerkschaftsjugend Tirol kritisiert diese Entscheidung und die damit verbundenen Regelungen scharf, insbesondere den Umgang mit erkrankten Schüler:innen.
Dem Schreiben nach sind erkrankte Schüler:innen „grundsätzlich in die häusliche Pflege zu entlassen“. Bis sie von Erziehungsberechtigten oder Angehörigen abgeholt werden, müssen sie in der Schule bleiben. Auf ihre persönlichen Gegenstände im Internat dürfen sie außerhalb der Öffnungszeiten nur in Absprache mit der Heimverwaltung zugreifen. Wer akute Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Unwohlsein hat, wird zunächst dem Ärztezimmer beziehungsweise der schulischen Erstversorgung zugewiesen. Tritt keine Besserung ein, folgt ebenfalls die Entlassung in die häusliche Pflege – und dass, obwohl das Zuhause mitunter mehrere Fahrtstunden von der Schule entfernt liegt.
„Das geht völlig an der Lebensrealität vieler Lehrlinge vorbei. Für junge Menschen, die für ihren Berufsschulbesuch aus ganz Tirol oder anderen Regionen anreisen, ist das Internat während des Schulblocks ihr Zuhause auf Zeit. Wenn sie krank werden, können sie nicht einfach nach Hause gehen. Es wäre absurd, einen Schüler beispielsweise aus Reutte, der in Innsbruck die Berufsschule besucht, ins Außerfern zu schicken. Gleichzeitig bleibt ihnen der Zugang zu ihrem Bett und ihrem Zimmer verwehrt, obwohl sie nur wenige Meter entfernt sind. Das ist keine vernünftige Lösung“, kritisiert Matteo Iori, Jugendsekretär des ÖGB Tirol.
Keine geeigneten Aufenthaltsräume in Schulen
Auch im übrigen Schulalltag sieht die Gewerkschaftsjugend deutliche Verschlechterungen. Eine Rückkehr ins Internat während der Unterrichtszeit oder in Freistunden ist künftig nicht mehr möglich, eine Tagesbetreuung gibt es nicht. Die Schulen sollen stattdessen geeignete Aufenthaltsmöglichkeiten wie Lerninseln, Aufenthaltsräume, Bibliotheken oder EDV-Arbeitsplätze bereitstellen. Wie das ohne zusätzliche Ressourcen und Betreuung gelingen soll, lässt das Land offen. Auch das Mittagessen wird zum Fahrplan: Der Speisesaal ist ausschließlich für die Essensausgabe und die Mahlzeit geöffnet, ein Aufenthalt in Wohnbereichen oder Aufenthaltsräumen ist in dieser Zeit ausgeschlossen. Damit fehlen den Lehrlingen wichtige Möglichkeiten, sich zwischen den Unterrichtseinheiten zurückzuziehen und zu erholen.
„Ein Berufsschülerheim ist nicht einfach nur ein Schlafplatz. Die Lehrlinge leben dort während ihrer Ausbildung, lernen, bereiten sich auf Prüfungen vor und brauchen auch einmal Ruhe. Wer die Türen tagsüber zusperrt, nimmt ihnen einen wichtigen Teil ihres Zuhauses. Es kann nicht sein, dass junge Menschen in jeder Freistunde woanders unterkommen müssen, obwohl ihr Zimmer im Internat leer steht“, betont Maximilian Baier, Jugendsekretär der GPA Tirol.
Besonders kritisch sieht die Gewerkschaftsjugend die Situation erkrankter Lehrlinge. Wer weit entfernt von seinem Wohnort die Berufsschule besucht, ist häufig auf das Internat angewiesen. Eine sofortige Abholung durch Angehörige ist nicht immer möglich. Gleichzeitig ist es gerade bei Krankheit wichtig, sich hinlegen und ausruhen zu können, anstatt im Schulgebäude auf eine Abholung zu warten. „Wenn Lehrlinge krank sind, brauchen sie Betreuung und einen Ort, an dem sie sich erholen können. Sie einfach in die häusliche Pflege zu entlassen, löst das Problem nicht, wenn sie weit weg von zu Hause sind und nicht sofort abgeholt werden können. Hier braucht es eine klare und praktikable Lösung, die den Bedürfnissen der Jugendlichen gerecht wird“, fordert Davide Polo, Jugendsekretär der PRO-GE Tirol.
Die Gewerkschaftsjugend Tirol fordert daher, die neuen Öffnungszeiten zu überarbeiten und zumindest einen geöffneten beziehungsweise betreuten Rückzugsraum für kranke Schüler und für Freistunden sicherzustellen. Für erkrankte Jugendliche, die nicht sofort abgeholt werden können, braucht es eine klare, betreute Lösung statt Wartezeiten im Schulgebäude. Sollte die Betreuung in die Schulen verlagert werden, müssen dafür ausreichend Personal und geeignete Räume zur Verfügung stehen.
„Wer die Lehre stärken will, muss bei den Rahmenbedingungen anfangen. Das Land Tirol investiert zu Recht in die Berufsschulen. Diese Investitionen müssen sich aber auch in den Lebens- und Lernbedingungen der Lehrlinge widerspiegeln. Ein gutes Ausbildungsangebot endet nicht mit dem Unterricht, sondern schließt auch die Zeit ein, in der junge Menschen im Internat leben“, hält Iori abschließend fest.