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Schulter an Schulter: Gewerkschaften und die Jugendproteste in Frankreich

Seit Mitte September protestieren in Frankreich hunderttausende Schüler:innen und Studierende für ein besseres Bildungssystem. Sie wurden in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Kürzungen konfrontiert, die zunächst das Sozialsystem betroffen hatten, zunehmend aber auch die grundlegende Infrastruktur des Schulwesens.

Nicolas / Pexels

Breite Unterstützung für die Schüler:innen

Was als kleiner Protest in Seine-Saint-Denis, dem ärmsten Département Frankreichs (vergleichbar mit einem Verwaltungsbezirk in Österreich) begann, hat in kurzer Zeit das ganze Land erfasst. Schüler:innen hatten die selbstorganisierte Blockade ihrer Schulen auf Sozialen Medien geteilt, worauf sich zahlreiche andere Schüler:innengruppen, Studierende, Eltern und Lehrkräfte solidarisierten. Inzwischen gehen auch Beschäftigte auf die Straße und Gewerkschaften unterstützen die Protestierenden. Umfragen zeigen, dass große Teile der Bevölkerung die Proteste der Schüler:innen für angemessen halten.

Die Forderungen der Protestierenden

Den Jugendlichen geht es in erste Linie um ein Schulwesen, das Lernen ermöglicht und so den Grundstein für ein gutes Leben legen kann. Ihre Forderungen zeigen auf, welche teilweise erbärmlichen Bedingungen ihnen bisher zugemutet wurden:

  • Genügend Lehrkräfte für alle Fächer und ein Ende der Stundenausfälle aufgrund unbesetzter Stellen
  • Sanierung von verfallenden Schulgebäuden und ausreichende Mittelausstattung: Schimmel, Ungeziefer, fehlendes Klopapier und fehlende Ausrüstung für den Unterricht sind derzeit Realität vieler Jugendlicher
  • Ende des plattformbasierten Auswahlverfahrens (u.a. „Parcoursup“ und „Mon Master“) für Studienplätze, das nach diskriminierenden Faktoren filtert und Schüler:innen aus „schlechten Postleitzahlen“ benachteiligt.

Diese Bedingungen im Alltag der Jugendlichen erklären sehr gut, warum die Schüler:innen das Gefühl haben, die Politik hätte auf sie vergessen.

Was ist mit den Eskalationen?

Zu Beginn war es in erster Linie die Polizei, die mit großer Härte auf die Proteste reagierte und zu Eskalation beitrug. Allein bis 9. Oktober gab es fast 7.000 Festnahmen, die meisten davon (86%) betrafen Minderjährige. Diese Unverhältnismäßigkeit empörte wiederum viele Menschen, die sich daraufhin den Protesten anschlossen.

Im Umfeld der Proteste kam es aber auch zu Sachbeschädigungen und Plünderungen. Das ist nicht zu verteidigen. Um sie zu verstehen und in Zukunft zu verhindern, braucht es die Frage, woher diese Wut kommt. Dann wird klar: Wer Gewalt verhindern will, muss die sozialen und ökonomischen Ursachen ernst nehmen, und darf auf berechtigte Forderungen nicht mit Polizeigewalt antworten.

Gewerkschaften: Schutzschild, Streikkasse, Streikaufruf – aber keine Vereinnahmung

Die französischen Gewerkschaften solidarisierten sich früh mit den Jugendlichen, denn sie kennen deren Forderungen aus ihrer eigenen Arbeit. Es sind auch die Forderungen der Beschäftigten, allen voran der Lehrkräfte. Fehlende Lehrer:innenposten führen zu überfüllten Schulklassen und überarbeiteten Lehrkräften. Verfallende Gebäude belasten alle, die sich darin aufhalten müssen.

Die Gewerkschaften unterstützen dabei auf mehrere Arten: Die Bildungsgewerkschaften riefen geschlossen zu zwei Streiks auf und sicherten somit solidarische Lehrkräfte rechtlich und mit der Streikkasse auch finanziell ab. Gewerkschafter:innen stellen sich während der Demonstrationen bewusst als Schutzschild für die Jugendlichen auf, die friedlich protestieren wollen. Sie versuchen in dieser Rolle, Vandalismus einerseits und Polizeigewalt andererseits zu verhindern.

Alle beteiligten Gewerkschaften, auch jene des Bildungswesens, betonen aber die Unabhängigkeit der Jugendbewegung. Sie sehen sich als Unterstützer:innen, aber nicht als zentrale Akteur:innen dieser Bewegung. Als Premierminister Lecornu am 21. Oktober nur die Gewerkschaften und keine Vertreter:innen der Jugendlichen zum Gespräch rief, kritisierten die Gewerkschaften dieses Vorgehen sowie den ergebnislosen Austausch.

Aus den Protesten lernen

Ob die französische Politik aus diesen Protesten lernen wird, muss sich erst zeigen. Entscheidend dabei werden sicher auch die nahenden Präsidentschaftswahlen im April 2027 sein. Klar ist aber, die französischen Proteste sind kein Einzelfall. In Belgien, Italien und nicht zuletzt auch in Wien wird demonstriert, denn Kürzungen im Bereich Bildung und Soziales treffen junge Menschen in einer besonders vulnerablen Phase und sie fragen sich zu Recht, welche Zukunft ihnen bleibt.

In Österreich, nicht zuletzt am Beispiel Fachkräftemangel, sehen wir: Gute Bildung ist keine Nebensache, sondern eine Grundlage für gute Arbeit. Wer dort spart, verspielt das Vertrauen großer Bevölkerungsgruppen, und nicht nur von jungen Menschen.