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Wer in Fachkräfte investiert, investiert in Europas Zukunft

Europa braucht gut ausgebildete Fachkräfte. Ob Installateur:in, Friseur:in oder Pflegekraft: In all diesen Berufsgruppen sind eine gute Ausbildung und laufende Weiterbildung entscheidend. Sie halten unser tägliches Leben am Laufen, von der Heizung im Winter über die Versorgung im Krankenhaus bis zur Energiewende, die ohne qualifizierte Handwerker:innen nicht gelingen kann. Unsere Arbeitswelt verändert sich stetig, Digitalisierung und künstliche Intelligenz verändern bestehende Berufsbilder und lassen neue entstehen. Damit gewinnen Upskilling und Reskilling zunehmend an Bedeutung. Was heute gelernt wird, muss morgen oft schon ergänzt oder neu gedacht werden. Der Schlüssel zum Erfolg ist daher der Zugang zu hochwertiger Aus- und stetiger Weiterbildung, unabhängig von Einkommen oder Lebenssituation.

Luiza Puiu

Trotz ihrer Bedeutung werden berufliche Bildung und praktische Qualifikationen häufig gegenüber akademischen Bildungswegen abgewertet. Dabei ist eine Lehre kein Bildungsweg zweiter Klasse, sondern eine gleichwertige Grundlage für ein erfülltes Berufsleben. Gleichzeitig fehlt es in vielen Bereichen, überall in der Europäischen Union, an Fachkräften. Das wollen wir ändern. Am 21. Oktober haben wir im Europäischen Parlament einen Initiativbericht zur Stärkung der beruflichen Aus- und Weiterbildung mit 504 von 666 Stimmen angenommen. Darin fordern wir einen rechtlichen Anspruch auf Aus- und Weiterbildung. Außerdem sollen berufliche Bildung aufgewertet, Menschen in Ausbildung finanziell besser unterstützt und die Anerkennung von Qualifikationen über Ländergrenzen hinweg erleichtert werden.

Ein rechtlicher Anspruch macht aus einem Privileg ein Recht. Weiterbildung darf nicht davon abhängen, ob man in einem großen Betrieb mit eigenem Schulungsbudget arbeitet oder ob die Vorgesetzten gerade wohlwollend sind. Sie muss allen offenstehen, egal ob jung oder älter, in Vollzeit oder Teilzeit, im Konzern oder im kleinen Familienbetrieb.

Wer sich beruflich weiterbildet, braucht dafür Zeit und finanzielle Mittel. Angesichts des rasanten technologischen Wandels sind Upskilling und Reskilling unerlässlich. Das eigene Börserl darf darunter nicht leiden. Weiterbildung muss daher grundsätzlich in der Arbeitszeit möglich sein und bei vollem Lohn stattfinden. Verantwortung übernehmen müssen dabei Arbeitgeber:innen. Sie müssen in die Qualifikationen ihrer Beschäftigten investieren, statt die Kosten auf ihre Mitarbeiter:innen abzuwälzen. Schließlich profitieren auch die Unternehmen von gut ausgebildeten Fachkräften und deren neuen Kompetenzen. Auch Lehrlinge und Auszubildende verdienen faire Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen. Unbezahlte oder prekäre Ausbildungsverhältnisse haben in einem sozialen Europa keinen Platz.

Neben der finanziellen Frage dürfen wir die ungleiche Verteilung der unbezahlten Sorgearbeit nicht außer Acht lassen. Gerade Frauen stehen dadurch oft vor größeren Hürden, wenn sie sich beruflich aus- oder weiterbilden möchten. Betreuungspflichten und fehlende zeitliche Flexibilität erschweren es Frauen, neue Kompetenzen zu erwerben und beruflich aufzusteigen. Es braucht deshalb flexible Kursangebote, ausreichend leistbare Kinderbetreuung und eine faire Aufteilung der Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern. Deshalb müssen wir sicherstellen, dass Frauen nicht länger zwischen Sorgeverantwortung und beruflicher Weiterentwicklung wählen müssen. Gleichzeitig sollen mehr Frauen den Weg in technische und handwerkliche Berufe finden und mehr Männer in Pflege- und Sozialberufe.

Auch über Grenzen hinweg muss Qualifikation zählen. Wer in einem Mitgliedstaat eine Ausbildung abgeschlossen hat, soll diese in einem anderen nicht mühsam neu beweisen müssen. Eine raschere und einfachere Anerkennung hilft den Beschäftigten ebenso wie den Regionen, in denen Fachkräfte fehlen.

Eine gerechte Europäische Union der Kompetenzen stärkt ihre Beschäftigten. Als Gewerkschafterin im Europäischen Parlament setze ich mich dafür ein, dass alle Menschen in Europa Zugang zu Aus- und Weiterbildung haben, niemand bei der beruflichen Entwicklung zurückgelassen wird und jeder Beruf die Anerkennung und Wertschätzung bekommt, die er verdient. Künstliche Intelligenz muss den Beschäftigten zugutekommen, ihre Arbeit erleichtern und neue Chancen eröffnen, statt Unsicherheit und neue Ungleichheiten zu schaffen. Der Wandel der Arbeitswelt muss gemeinsam mit Fachkräften und ihren Gewerkschaften gestaltet werden. Sozialpartnerschaft und Kollektivverträge sind dafür das beste Werkzeug, denn niemand weiß besser, welche Kompetenzen gebraucht werden, als die Menschen, die die Arbeit täglich machen. Wer Fachkräfte stärken will, muss in ihre Kompetenzen und faire Chancen für alle investieren. Denn wer in Fachkräfte investiert, investiert in die Zukunft Europas.