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Erfolgreiche erstmalige BR-Wahl bei LinkedIn Austria

Bisheriges Bürogebäude stillgelegt: rein virtueller Betrieb stellt Gewerkschaft und Betriebsrat vor neue Herausforderungen

Das neu gewählte LinkedIn-Betriebsratsteam

Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Digitalisierung, internationale Konzernstrukturen, Homeoffice und virtuelle Zusammenarbeit sind längst Realität. Doch manchmal zeigt sich diese Entwicklung in einer Form, die selbst erfahrene Gewerkschafter:innen überrascht. Genau ein solcher Fall ereignete sich vergangene Woche in Graz: Erstmals wurde bei der LinkedIn Austria GmbH erfolgreich ein Betriebsrat gewählt – unter Rahmenbedingungen, die beispielhaft für die Herausforderungen der modernen digitalen Arbeitswelt stehen.

Denn das Unternehmen befindet sich mitten in einem massiven Umbruch: Ein erheblicher Teil der Belegschaft verliert den Arbeitsplatz, das bisherige Bürogebäude wird geschlossen und die verbleibenden Beschäftigten sollen künftig ausschließlich im Homeoffice arbeiten. Ein physischer Betriebsstandort existiert damit praktisch nicht mehr.

Für die GPA Steiermark ist diese Entwicklung einerseits ein Erfolg, andererseits aber auch ein Signal, dass sich die betriebliche Interessenvertretung grundlegend verändern wird.

„Dass Beschäftigte auch in einer derart schwierigen Situation den Mut aufbringen, einen Betriebsrat zu gründen, verdient größten Respekt“, erklärt Christian Jammerbund, stellvertretender Landesgeschäftsführer der GPA Steiermark. „Gerade in Zeiten von Unsicherheit, Umstrukturierungen und Arbeitsplatzabbau zeigt sich, wie wichtig betriebliche Mitbestimmung und gewerkschaftlicher Zusammenhalt sind.“

modern und arbeitnehmerfreundlich: das einstige Bürogebäude wurde aufgelassen

Wenn der Betrieb nur noch digital existiert

Die Situation bei LinkedIn Austria wirft Fragen auf, die in dieser Form neu sind. Was bedeutet betriebliche Mitbestimmung, wenn es kein gemeinsames Büro mehr gibt? Wie organisiert man Betriebsratsarbeit, wenn Kolleg:innen einander kaum mehr persönlich begegnen? Wie kann soziale Isolation verhindert werden? Und wie können Arbeitnehmer:innen ihre Rechte durchsetzen, wenn die Arbeit ausschließlich innerhalb der eigenen vier Wände stattfindet?

Die klassische Arbeitswelt war jahrzehntelang an konkrete Betriebsstätten gebunden: Büros, Werkshallen, Filialen oder Produktionsstätten. Dort entstanden soziale Kontakte, dort wurden Probleme sichtbar, dort konnten Betriebsrät:innen unmittelbar mit Beschäftigten sprechen.

„Die Zukunft der Arbeitswelt hat uns längst eingeholt“, sagt Florian Führer, zuständiger GPA-Sekretär für den IT-Bereich. „Wir erleben erstmals einen Betrieb, der organisatorisch weiter existiert, faktisch aber keinen gemeinsamen Arbeitsort mehr hat. Für Betriebsräte entstehen dadurch völlig neue Herausforderungen – organisatorisch, sozial und rechtlich.“

Homeoffice: Freiheit oder neue Belastung?

Homeoffice wird oft als Symbol moderner Arbeitsorganisation dargestellt. Viele Beschäftigte schätzen die gewonnene Flexibilität, den Wegfall von Pendelzeiten oder die Möglichkeit, Arbeit und Privatleben besser zu kombinieren. Doch die Realität ist oft deutlich komplexer.

Gerade dann, wenn Homeoffice nicht freiwillig gewählt werden kann, sondern vom Arbeitgeber verpflichtend vorgegeben wird, entstehen neue Belastungen. Nicht jede Wohnung eignet sich als dauerhafter Arbeitsplatz. Viele Menschen verfügen über kein eigenes Arbeitszimmer. Familien mit Kindern kämpfen mit Lärm, Platzmangel und der schwierigen Trennung zwischen Beruf und Privatleben.

Die Gewerkschaft GPA weist seit Jahren darauf hin, dass Homeoffice klare Regeln braucht. Laut österreichischem Arbeitsrecht kann Telearbeit grundsätzlich nicht einseitig angeordnet werden, sondern benötigt Vereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer:in. Seit 2025 gilt zudem ein erweitertes Telearbeitsgesetz, das ortsunabhängiges Arbeiten umfassender regelt.

„Viele Beschäftigte erleben derzeit, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend verschwimmen“, erklärt Jammerbund. „Wenn der Arbeitsplatz permanent in der eigenen Wohnung präsent ist, steigt auch die Gefahr von psychischer Belastung, ständiger Erreichbarkeit und sozialer Isolation.“

Gerade in digitalen Branchen sei zudem häufig ein enormer Leistungsdruck spürbar. Internationale Konzernstrukturen, virtuelle Teams über mehrere Zeitzonen hinweg und permanente digitale Kommunikation verändern die Arbeitskultur massiv.

Christian Jammerbund und Mag. Mustafa Durmus begleiteten die erstmalige Betriebsratswahl

Betriebsratsarbeit ohne Betrieb?

Für die GPA Steiermark stellt sich daher auch die Frage, wie moderne Gewerkschafts- und Betriebsratsarbeit künftig organisiert werden muss. Die klassische Betriebsversammlung im Aufenthaltsraum wird zunehmend durch Videokonferenzen ersetzt. Persönliche Gespräche am Gang oder in der Kantine entfallen. Neue Mitarbeiter:innen lernen Kolleg:innen oft niemals persönlich kennen. Gleichzeitig wird es schwieriger, Stimmungen wahrzunehmen oder Belastungen frühzeitig zu erkennen.

„Betriebsratsarbeit lebt eigentlich vom direkten menschlichen Kontakt“, so Florian Führer. „Vertrauen entsteht oft im persönlichen Gespräch. Genau diese informellen Begegnungen fallen in virtuellen Betrieben weitgehend weg.“

Auch arbeitsrechtlich entstehen neue Fragen: Wer trägt die Kosten für Arbeitsplätze zuhause? Wie werden ergonomische Standards eingehalten? Wie funktioniert Datenschutz im Wohnzimmer? Wie kann Arbeitszeit kontrolliert werden? Und wie lassen sich psychische Belastungen oder Überlastungen überhaupt sichtbar machen?

Die GPA beschäftigt sich bereits seit Jahren intensiv mit den Auswirkungen digitaler Arbeit und neuer Arbeitsformen. In zahlreichen Broschüren und Beratungsangeboten weist die Gewerkschaft auf die Risiken mobiler Arbeit hin – etwa auf soziale Isolation, fehlende Abgrenzung oder steigenden Leistungsdruck. Für die GPA Steiermark steht fest: Auch die betriebliche Mitbestimmung muss sich an die Realität der modernen Arbeitswelt anpassen. Die erfolgreiche Betriebsratswahl bei LinkedIn Austria sei daher nicht nur ein wichtiges Signal für die Beschäftigten des Unternehmens, sondern auch ein symbolischer Schritt für die gesamte Arbeitswelt.

„Wir werden als Gewerkschaft neue Antworten auf neue Arbeitsformen finden müssen“, betont Christian Jammerbund. „Die Digitalisierung darf nicht dazu führen, dass Beschäftigte vereinzelt werden oder Mitbestimmung verloren geht. Gerade in virtuellen Arbeitswelten brauchen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer starke Interessenvertretungen.“ Dabei gehe es nicht darum, Digitalisierung grundsätzlich abzulehnen. Moderne Technologien könnten Arbeit erleichtern und neue Freiheiten schaffen. Entscheidend sei jedoch, unter welchen Bedingungen diese Veränderungen stattfinden. „Die Arbeitswelt der Zukunft darf nicht nur effizienter, sondern muss auch menschlicher werden“, ergänzt Florian Führer. „Denn hinter jedem digitalen Arbeitsplatz sitzt weiterhin ein Mensch – mit Bedürfnissen, Sorgen und Rechten.“