Arbeit im digitalen Zeitalter gerecht gestalten
Die digitale Transformation ist längst in unseren Betrieben angekommen. Künstliche Intelligenz und algorithmische Managementsysteme entscheiden heute in vielen Unternehmen mit darüber, wer welche Aufgaben bekommt, wie Leistung bewertet wird und in manchen Fällen sogar, ob ein Vertrag verlängert wird. Große Entlassungswellen durch KI sind bisher ausgeblieben. Doch die digitale Steuerung von Arbeit ist für viele Kolleginnen und Kollegen schon Alltag.
Die Zahlen zeigen, wie schnell sich die Arbeitswelt verändert. Bereits 12 Prozent der Beschäftigten arbeiten mit KI-Anwendungen. 27 Prozent berichten, dass ihre Leistung durch Programme überwacht oder ihre Aufgaben automatisch zugewiesen werden. Das kann Abläufe erleichtern und Prozesse effizienter machen. Gleichzeitig stellt es uns als Gewerkschaften vor neue Herausforderungen bei Mitbestimmung, Datenschutz und Arbeits,- und Gesundheitsschutz.
Viele dieser Systeme sind für Beschäftigte kaum nachvollziehbar. Entscheidungen fallen in digitalen Black Boxes. Warum bekomme ich diese Schicht? Weshalb wurde meine Leistung so bewertet? Auf welcher Grundlage wird mein Vertrag beurteilt? Wenn Transparenz fehlt, leidet das Vertrauen und es wird schwerer, Rechte durchzusetzen.
Hinzu kommt der wachsende Leistungsdruck. Studien zeigen, dass algorithmisches Management oft mit höherer Arbeitsintensität, weniger Handlungsspielraum und mehr Stress einhergeht. Die Systeme rechnen mit idealen Abläufen, nicht mit Menschen, die Pausen brauchen, krank werden oder Familie haben. Gerade Kolleginnen und Kollegen in befristeten oder prekären Jobs geraten unter zusätzlichen Druck, wenn jede Kennzahl über ihre Zukunft entscheidet.
Auch der Arbeits,- und Gesundheitsschutz steht auf dem Spiel. Zeitvorgaben durch Algorithmen können riskantes Verhalten fördern, etwa bei Lieferdiensten oder in der Logistik. Permanente Datenerfassung belastet psychisch und mit zunehmender Telearbeit verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit immer stärker. Ohne klare Regeln droht die ständige Erreichbarkeit zur neuen Normalität zu werden.
Besonders sensibel ist der Umgang mit Daten. KI-Systeme sammeln häufig weit mehr Informationen als nötig. Leistungsdaten, Standortdaten und teilweise sogar sehr persönliche Informationen werden ausgewertet. Das darf nicht zu einer digitalen Dauerüberwachung führen.
Es gibt auf europäischer Ebene bereits wichtige Regelungen, etwa zum Einsatz von KI, zum Datenschutz und für Plattformarbeit. Doch viele Schutzrechte gelten bislang nur für einen Teil der Beschäftigten. Deshalb haben sozialdemokratische Arbeits,- und Sozialminister:innen eine EU-Richtlinie zu KI am Arbeitsplatz gefordert, die starke Schutzstandards für alle Beschäftigten schaffen soll. Auch wir im Europäischen Parlament setzen uns für klare Regeln und ein verbindliches Recht auf Nichterreichbarkeit ein. Dafür gibt es breite Unterstützung in der Bevölkerung.
Für uns als Gewerkschaften ist klar, worauf es ankommt. Zentrale Entscheidungen müssen von Menschen getroffen werden, nicht allein von Maschinen. Beschäftigte brauchen ein Recht auf Überprüfung automatisierter Entscheidungen. Datenerhebung darf nur erfolgen, wenn sie wirklich notwendig ist. Transparenz und Mitbestimmung müssen von Anfang an gesichert sein. Betriebsräte und Gewerkschaften müssen bei der Einführung von KI-Systemen verbindlich eingebunden werden und wir brauchen starke Regeln für Arbeits,- und Gesundheitsschutz im digitalen Zeitalter sowie ein europaweites Recht auf Nichterreichbarkeit.
Die digitale Transformation ist kein Naturereignis. Sie ist gestaltbar. Es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass neue Technologien den Menschen dienen und nicht umgekehrt. Jetzt ist der Moment, die Arbeitswelt von morgen gerecht, solidarisch und demokratisch zu gestalten.