Der Digitale Euro schützt unser Bargeld
Am Dienstag, den 23. Juni, stimmt der Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments über den Digitalen Euro ab. Eine Abstimmung, die zunächst weit weg klingt, aber unmittelbar betrifft, wie wir in Zukunft bezahlen und ob Europa dabei eine eigene Stimme hat.
Genau jetzt ist der richtige Moment mit einem weit verbreiteten Missverständnis aufzuräumen. Viele Menschen befürchten, dass der Digitale Euro das Bargeld abschaffen soll. Diese Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen, denn tatsächlich wird Bargeld in immer weniger Geschäften, Supermärkten und Dienstleistungsbetrieben akzeptiert. Aber der Digitale Euro ist nicht die Ursache dieses Trends, er ist die Antwort darauf. Er ist als Ergänzung zu Bargeld konzipiert und stärkt dessen langfristige Stellung aktiv. Warum das so ist, zeigen vier Argumente. Der Digitale Euro ist kein Ersatz für Bargeld. Er ist sein öffentlicher Verbündeter in einer zunehmend digitalisierten Zahlungswelt.
Vier Argumente, warum der Digitale Euro das Bargeld schützt
1. Gesetzlicher Bargeldschutz kommt im selben EU-Gesetzespaket
Das Single Currency Package der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2023 verfolgt nicht ein, sondern zwei gleichrangige Ziele. Einerseits soll Bargeld als gesetzliches Zahlungsmittel im gesamten Euroraum verbindlich abgesichert werden. Andererseits schafft das Paket den rechtlichen Rahmen für einen möglichen Digitalen Euro. Bargeld und Digitaler Euro wurden also im selben Gesetzgebungsverfahren auf den Weg gebracht, nicht als Gegensätze, sondern als zwei Seiten einer gemeinsamen Strategie zur Sicherung öffentlichen Geldes.
Das ist kein Zufall. Die Europäische Kommission hat bewusst beide Elemente verknüpft, weil eines ohne das andere nicht funktioniert. Wer den Digitalen Euro ablehnt, stimmt damit indirekt auch gegen jenes Gesetzespaket, das Bargeld in Europa langfristig absichern soll. Der Digitale Euro und das Bargeld stehen und fallen gemeinsam.
2. Der Digitale Euro trägt das Prinzip des Bargelds weiter
Bargeld hat Eigenschaften, die kein anderes Zahlungsmittel heute bietet. Es funktioniert ohne Bankkonto, ohne Zwischenhändler, ohne dass jemand mitsieht, was man kauft. Diese Kombination aus Zugänglichkeit, Unabhängigkeit und Privatsphäre ist das Herzstück des Bargelds und sie ist politisch wertvoll, weil sie Menschen eine Form von wirtschaftlicher Freiheit gibt, die nicht von Unternehmen oder Algorithmen abhängt.
Genau dieses Prinzip droht in der digitalen Welt zu verschwinden, wenn es kein öffentliches digitales Äquivalent gibt. Denn alle privaten digitalen Zahlungsmittel verletzen mindestens eine dieser Eigenschaften. Der Digitale Euro ist so konzipiert, dass er alle drei überträgt. Er ist auch ohne Bankkonto nutzbar und damit auch für Menschen zugänglich, die vom klassischen Bankensystem ausgeschlossen sind. Die Europäische Zentralbank überwacht keine Einzeltransaktionen, der Datenschutz ist ähnlich wie beim Bargeld ausgestaltet. Und er ist kein spekulativer Kryptowert, sondern stabiles, öffentlich garantiertes Geld. Der Digitale Euro verlängert die Logik des Bargelds ins Digitale, anstatt sie aufzugeben.
3. Wer das Spielfeld privaten Anbietern überlässt, verliert das Bargeld
Wer ausschließlich über private Anbieter zahlt, gibt auch die Kontrolle über die Spielregeln ab. In Österreich laufen nahezu alle Kartenzahlungen über Visa und Mastercard, zwei US-amerikanische Unternehmen, die US-Recht und US-Sanktionsregimen unterliegen. Europäische Nutzer:innen zahlen damit täglich über eine Infrastruktur, auf die Europa keinen eigenen Zugriff hat. Solange nichts passiert, fällt das nicht auf.
Doch was im Ernstfall auf dem Spiel steht, zeigt der Fall des französischen Richters am Internationalen Strafgerichtshof, Nicolas Guillou. Nachdem er auf eine US-Sanktionsliste gesetzt worden war, wurde ihm der Zugang zu seinem eigenen Geld verwehrt. Nicht weil ein europäisches Gericht so entschieden hätte, sondern weil die Infrastruktur, über die er zahlte, nicht europäisch war. Dieser Fall ist kein Einzelfall, er ist eine Warnung.
Der Digitale Euro schützt das Bargeld genau an dieser Stelle. Er stellt sicher, dass es in Europa immer eine öffentliche, unantastbare Zahlungsoption gibt, eine, die keinem ausländischen Sanktionsregime unterliegt und die niemand von außen abschalten kann. Öffentliches Geld braucht öffentliche Infrastruktur und der Digitale Euro schafft genau das.
4. Ohne digitales Gegenstück wird Bargeld zur Nische
Bargeld wird nicht durch ein Gesetz abgeschafft. Es verschwindet leise durch Nichtbenutzung. Je mehr Bereiche des Alltags ausschließlich digital funktionieren, der Online-Handel, öffentliche Dienste, grenzüberschreitende Zahlungen, Abos und Streaming-Dienste, desto weniger relevant wird Bargeld als alltagstaugliches Zahlungsmittel. Irgendwann ist es noch das Zahlungsmittel für den Flohmarkt, aber nicht mehr für das übrige Leben.
Die Zahlen belegen diesen Trend deutlich. Im Euroraum wurden 2024 noch 52% der Transaktionen bar bezahlt, gegenüber 59% im Jahr 2022 und 72% im Jahr 2019. In Österreich ist Bargeld zwar noch das beliebteste Zahlungsmittel, aber auch hier ist der Rückgang unübersehbar. ²
Ein Digitaler Euro durchbricht diese Dynamik. Er sorgt dafür, dass öffentliches Geld auch in jenen Bereichen präsent bleibt, die heute schon vollständig digital sind, und in jenen, die es morgen sein werden. ³ Ohne ihn überlassen wir das gesamte digitale Feld privaten Anbietern, und Bargeld verliert nicht durch Verbot, sondern durch Irrelevanz seine gesellschaftliche Bedeutung. Das wäre der eigentliche Verlust.
Quellen
¹ Europäische Kommission. (2023). Vorschlag für eine Verordnung über den digitalen Euro (COM/2023/369 final). EUR-Lex. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=celex:52023PC0369
² Oesterreichische Nationalbank. (2024, 19. Dezember). Bargeld bleibt im Euroraum mit 52 % das meistgenutzte Zahlungsmittel am Point-of-Sale. https://www.oenb.at/Presse/Pressearchiv/2024/20241219_1.html
³ Oesterreichische Nationalbank. (2022). Zahlungskartentransaktionen erreichen neue Höchststände. Statistiken Q2/22. https://www.oenb.at/dam/jcr:2b9bb56a-9590-4df6-9957-95f162d74faa/statistiken-q2-22.pdf