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Die Frauen, die sich wehren, wehren aller Menschen Plag'

Österreich hat die Frist zur Umsetzung der EU-Lohntransparenzrichtlinie verpasst. Ein Anlass zu schauen, wie Frauen abseits des Verhandlungstisches kämpfen.

Freshfocus

Verstrichene Frist, offene (Lohn-)Schere

Am 7. Juni 2026 lief die Frist ab, bis zu der Österreich die EU-Lohntransparenzrichtlinie in nationales Recht hätte umsetzen müssen. Passiert ist das nicht. Was es gab, waren viele Stunden Verhandlungsarbeit der Sozialpartner, geprägt von Blockadehaltung der Arbeitgeber:innen und Beschwerden, man fühle sich den „extrem komplizierten“ Regeln nicht gewachsen. Arbeitsministerin Korinna Schumann legte schließlich einen eigenen Entwurf vor.

Das Schließen der Lohnschere ist eine der wichtigsten Säulen der ökonomischen Gleichstellung – und das Ziel der EU-Lohntransparenzrichtlinie. Nur drei Länder haben die Richtlinie pünktlich umgesetzt: die Slowakei, Italien und Litauen. In den anderen EU-Mitgliedsstaaten war dieses Ziel wohl nicht ausreichend hohe Priorität bzw. die Blockierer:innen zumindest bisher erfolgreich. Mit diesem Rückstand in der nationalen Umsetzung ist Österreich nicht in guter, aber in zahlreicher Gesellschaft.

Island: Frauen mobilisieren, alle gewinnen

Sozialer Fortschritt wurde niemals geschenkt, sondern immer erstritten. Teilweise geschah dies am Verhandlungstisch, teilweise in Betrieben, teilweise auf der Straße. In den 1970er Jahren stellten die Frauen in Island fest: Am „Verhandlungstisch“ geht es derzeit nicht weit genug, wir müssen mehr tun. Und dann taten sie mehr.

Am 24. Oktober 1975 blieben in Island fast alle Frauen der Arbeit fern. Sie nannten es einen „Frauenruhetag“. Ähnlich wie in Österreich hätte das einem „Streik“ im rechtlichen Sinne schlicht nicht entsprochen. Aber die Wirkung war dieselbe. Rund 25.000 Frauen (über 10% der isländischen Gesamtbevölkerung) versammelten sich allein in Reykjavík, um gegen Lohnungleichheit, fehlende Mitsprache und ungerechte Arbeitsteilung auch im Haushalt zu protestieren. Ein Jahr später verabschiedete das isländische Parlament ein erstes Gleichberechtigungsgesetz.

Spanien: „Wenn Frau will, steht alles still“

Auch in Spanien entschlossen sich die Frauen, mehr zu tun. Nach jahrelanger Vorarbeit, politischen Protesten und öffentlichen Debatten wurde 2018 eine der größten Demonstrationen in ganz Europa auf die Beine gestellt.

Am 8. März 2018, dem internationalen Frauenkampftag, nahmen sechs Millionen Menschen am ersten landesweiten Frauenstreik Spaniens teil. In 300 spanischen Städten und Ortschaften legten Kolleg:innen die Arbeit nieder. Die Gewerkschaften UGT und CCOO unterstützten die Proteste und riefen zu zweistündigen Arbeitsniederlegungen auf. Auch in Spanien gingen die Forderungen über reine Beschäftigungsfragen hinaus: Schluss mit der Gewalt gegen Frauen! Schluss mit der Diskriminierung und Prekarisierung in der Erwerbsarbeit! Schluss mit der alleinigen Verantwortung für die Haus- und Betreuungsarbeit!

Auch in Folge des Frauenstreiks trat der damalige rechtskonservative Premierminister Spaniens, Mariano Rajoy, drei Monate später zurück.

Schweiz: Jährlicher feministischer Streik der Gewerkschaften

Im heurigen Juni wurde nicht nur die Frist für die EU-Lohntransparenzrichtlinie versäumt, sondern auch der jährliche Frauenstreik des Schweizer Gewerkschaftsbundes und unserer Schwesterngewerkschaft UNIA abgehalten. Seit dem 14. Juni 1981 hat die Schweiz die gesetzliche Gleichstellung. Zehn Jahre später gelang an diesem Datum die größte öffentliche Mobilisierung der Schweiz seit dem Generalstreik 1918.

Anlass war 1991 zum einen das Jubiläum des Gesetzes, allerdings auch: die Lohnlücke. Uhrenarbeiter:innen in der Westschweiz hatten festgestellt, auch zehn Jahre gesetzliche Gleichstellung inklusive Diskriminierungsverbot bei Löhnen haben die Lohnschere keineswegs geschlossen. Es brauchte mehr. Gemeinsam mit ihrer Gewerkschaft und dem Schweizer Gewerkschaftsbund SGB holen sie weitere Unterstützer:innen aus der Zivilgesellschaft ins Boot. Insgesamt beteiligten sich rund 500.000 Schweizer:innen am Protest.

Heuer, da der 14. Juni auf einen Sonntag fiel, stand der Fokus auf unbezahlter Care-Arbeit: Kinderbetreuung, Pflege, Hausarbeit, also Tätigkeiten, die überwiegend von Frauen geleistet werden, die kaum Anerkennung dafür erhalten.

„Ist das überhaupt ein Streik?“

Ist das überhaupt die richtige Frage? Man kann sich selbstverständlich daran festbeißen, ob ein feministischer Streik rechtlich ein Streik ist. Im engeren arbeitsrechtlichen Sinn ist er das oft nicht oder nur teilweise. Aus diesem Grund nannten die Isländer:innen ihre Organisierung „Frauenruhetag“.

Streik oder nicht, es ist jedenfalls im Kern Gewerkschaftsarbeit: Menschen schließen sich zusammen und benennen gemeinsame Probleme. Sie entwickeln Forderungen und machen diese öffentlich sichtbar. Sie zeigen mit großen Demonstrationen – und teilweise auch Streiks – den Arbeitgeber:innen, der Öffentlichkeit und der Politik, wie stark die Unterstützung für ihre Forderungen ist und machen politischen Druck.

Solche Proteste bewirken keine Wunder. Aber sie können etwas ins Rollen bringen, das sonst wohl länger auf sich warten ließe.