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IT-Beschäftigte in den USA organisieren sich und streiken

Anfang März werden IT-Beschäftigte in Österreich erstmals die Arbeit niederlegen. Nach sechs erfolglosen Verhandlungsrunden ohne akzeptables Angebot der Arbeitgeberseite beschlossen Betriebsratsvorsitzende der Branche diesen Warnstreik. Ein Streik, sogar wenn er „nur“ warnt, ist ein Novum für die Branche. Diese Entwicklung gibt es auch andernorts. In den USA steigt die gewerkschaftliche Aktivität unter IT- und Tech-Beschäftigten spürbar.

Unsplash/Sigmund

„Worker-Boss-Beziehung“ statt Sonderstatus

Lange galten IT-Beschäftigte nicht nur in den USA als Sonderfall in der Arbeitswelt. Viele identifizierten sich mehr als eigene Gruppe und nicht als klassische Arbeitnehmer:innen, nicht selten hatten sie mit gefragten Fähigkeiten und Ausbildungen auch gute Karten und damit bessere Bedingungen am Arbeitsmarkt. Auch die Arbeitgeber:innen der Branche haben gerne vermittelt, Gewerkschaften und Betriebsräte wären etwas für Fabriksarbeiter:innen des letzten Jahrhunderts, aber doch nicht für moderne Software-Entwickler:innen.

Die Entwicklungen der letzten Jahre haben die Wahrnehmung vieler Arbeitnehmer:innen aber verändert. Forscher:innen der Columbia Universität stellen fest, dass vielen  IT-Beschäftigten in den USA immer klarer wird, dass sie sich eben doch in einem klassischen Arbeitnehmer:innen-Arbeitgeber:innen-Verhältnis befinden.

Druck auf Beschäftigte & Organisierung als Antwort

In den USA zeigt sich dieser Wandel in konkreter Gewerkschaftsarbeit. Oft organisieren sich die Beschäftigten als Reaktion auf Überwachung, Massenentlassungen oder erhöhten Druck durch KI.

Bei der Crowdfunding-Plattform Kickstarter streikten Beschäftigte im Herbst 2025 wochenlang und erkämpften sich am Ende eine neue Gehaltsformel und den Erhalt ihrer Vier-Tage-Woche. Bei Google sammelten mehr als 2.000 Mitarbeiter:innen Unterschriften für bessere Abfindungen. Bei Amazon unterzeichneten nach einer Entlassungswelle hunderte Beschäftigte einen offenen Brief an das Management.

Solidarität und Forderungen über Arbeitsbedingungen hinaus

Die Auslöser, die das Fass zum Überlaufen bringen, betreffen aber nicht immer ausschließlich Arbeitsbedingungen. In einigen Fällen wollen Beschäftigte den Arbeitgeber bei problematischen Entscheidungen zum Umdenken bewegen, indem sie sich organisieren und ihre Meinung kundtun: Bei Google und Microsoft organisierten sich Beschäftigte, um gegen die Nutzung ihrer Technologien für militärische Zwecke und Zusammenarbeit mit der Einwanderungsbehörde ICE, die sehr gewaltbereit und eskalierend handelt, zu protestieren.

Bemerkenswert ist, dass diese Organisierungswelle unterschiedliche Beschäftigtengruppen der Branche zusammenbringt, von Quality-Assurance-Tester:innen bis hin zu Entwickler:innen und Programmierer:innen.

Reaktionen der IT-Arbeitgeber:innen: Zwischen Neutralität und Union Busting

Die Reaktionen der Arbeitgeber der Branche fielen und fallen unterschiedlich aus. Manche Unternehmen entschieden sich für neutrales Verhalten gegenüber Organisierung der Beschäftigten, häufig auch um negative Berichterstattung in den Medien zu vermeiden. Andere nutzen den großen Spielraum im äußerst schwachen US-Arbeitsrecht aus und erhöhen den Druck auf ihre Arbeitnehmer:innen, nicht zuletzt mit ausgebauter Überwachung und höheren Produktivitätsvorschriften, oder greifen zu Entlassungen. Solche Praktiken sind nichts anderes als Union Busting.

Was heißt das für uns?

Die Entwicklungen in den USA sind bemerkenswert, weil sie zeigen, dass gewerkschaftliche Organisierung und das gemeinsame Eintreten für Interessen auch in Branchen möglich ist, die noch keine erprobten Strukturen dafür haben, und wo die Arbeitgeber sich für immun dagegen halten.

Ein Trend, der sich auch in Europa bemerkbar macht, ist die Scheu von Unternehmen, wegen Arbeitskonflikten negative mediale Berichterstattung zu kassieren – nicht selten ist es eher die schlechte Publicity als rechtliche Konsequenzen, die man vermeiden will.

Besonders deutlich wird beim Blick in die USA auch, wie relevant der rechtliche Rahmen für Beschäftigte und ihre Organisierung ist. Das österreichische Arbeitsrecht ist zu großen Teilen von Gewerkschaften erstritten und bietet vergleichsweise guten Schutz, während in den USA ganz andere Bedingungen herrschen. Umso ermutigender, dass Kolleg:innen hier wie dort sich für gute Arbeit einsetzen.